Haiti und Dominikanische Republik: Eine Insel, zwei Welten

Die Dominikanische Republik will an der Grenze zu Haiti eine Mauer bauen – angeblich um Kriminelle abzuhalten.

Text: Klaus Ehringfeld, Frankfurter Rundschau, Fotos: Jürgen Schüblin

Jeden Morgen, wenn die Tore an den vier Grenzpunkten zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik geöffnet werden, strömen Tausende Menschen aus Haiti in das Nachbarland. Es sind meist Tagelöhner:innen, die in der Landwirtschaft, auf dem Bau und als Haushaltshilfen arbeiten oder sich als fliegende Händler:innen verdingen. In der Dominikanischen Republik verdienen sie noch immer mehr als daheim, wo es kaum Arbeit gibt. Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt und zudem derzeit Schauplatz politischer Kontroversen zwischen Regierung und Opposition, die sich oft in gewaltsamen Protesten niederschlagen.

Das Grenztor zwischen der haitianischen Stadt Ounaminthe und Dajabón in der Dominikanischen Republik musste schon im für Haitianer geöffnet werden, die auf dem binationale Markt Grundnahrungsmittel und Dinge des täglichen Bedarfs zu einem fairen Preis kaufen wollten. (© Jürgen Schübelin)
Das Grenztor zwischen der haitianischen Stadt Ounaminthe und Dajabón in der Dominikanischen Republik musste schon immer für Haitianer geöffnet werden, die auf dem binationale Markt Grundnahrungsmittel und Dinge des täglichen Bedarfs zu einem fairen Preis kaufen wollten. (© Jürgen Schübelin)

In den Grenzverkehr zwischen den ungleichen karibischen Nachbarländern mischen sich nach Ansicht der dominikanischen Regierung allerdings zunehmend Kriminelle, die mit Entführungen, Diebstählen oder Drogenhandel zu tun haben. Daher will Präsident Luis Abinader eine Mauer oder einen Zaun entlang der knapp 400 Kilometer langen Grenze bauen. „Wir wollen der illegalen Einwanderung, dem Drogenhandel und dem Schmuggel gestohlener Fahrzeuge ein Ende setzen. Seit langem leiden wir unter diesen Problemen“, sagte Abinader Ende Februar. Derzeit sind gerade mal gut 20 Kilometer der Grenze mit einer Art Zaun gesichert.

Massenabschiebungen an der Tagesordnung

In der Dominikanischen Republik mit ihren knapp elf Millionen Einwohner:innen leben nach offiziellen Schätzungen knapp 800000 haitianische Eingewanderte und Geflüchtete. Nur sehr wenige haben eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis. Massenabschiebungen sind an der Tagesordnung. Seit Beginn des Jahres hat die dominikanische Armee rund 40000 Haitianer:innen aufgegriffen, die versuchten, ohne Papiere über die grüne Grenze in die Dominikanische Republik zu gelangen.

Der Bau des Grenzwalls zwischen den beiden Staaten, die sich die Insel Hispaniola teilen, soll in der zweiten Jahreshälfte beginnen und binnen zwei Jahren fertiggestellt sein. Abinader denkt dabei offenbar an eine Hightech-Sicherung; Bewegungssensoren, Radargeräte und Infrarotkameras sind geplant. Veranschlagte Kosten: 100 Millionen Dollar.

In der Bevölkerung halten viele nichts davon

Fachleute sind entsetzt, die dominikanische Bevölkerung zum Teil verständnislos. „Solange unsere Regierung nicht mal die Krankenhäuser zu Ende baut und der Gesundheitssektor dahinsiecht, sollen sie kein Geld in eine Mauer nach Haiti stecken“, erzürnt sich eine Einwohnerin von Dajabón, einer dominikanischen Grenzstadt im Norden des Landes.

Die karibische Mauer auf Hispaniola solle dem Beispiel der Trump’schen Mauer an der Grenze zwischen den USA und Mexiko folgen, was „sehr schlecht ankommt“, kritisiert der Soziologe Juan Miguel Pérez von der Universität UASD in der Hauptstadt Santo Domingo. Aber die Haitianer:innen müssten in der Dominikanischen Republik traditionell als „Sündenbock“ für alles herhalten, was in dem Land schlecht laufe. Mit dem Plan einer Grenzbefestigung würde der Mitte-Links-Präsident eine Konzession an die konservativsten Kreise seines Landes machen.

In den Augen von Menschenrechtler:innen ist das Projekt ein Rückschritt für die gesamte Insel. Die Mauer verschärfe die „permanente Verfolgung“ der Menschen aus Haiti, sagt William Charpentier, Koordinator der dominikanischen Nichtregierungsorganisation Menamird. Es sei bedauerlich, dass die neue Regierung nicht mal „die minimale Würde und die Rechte der Migranten“ respektiert. Die Mauerpläne befeuerten „Ressentiments
und Rassismus“.

Unmittelbar am dominikanischen Dajabón-Ufer - in Haiti Río Masacre (!) genannt - soll ein Grenzzaun, bzw. eine Grenzmauer errichtet werden. (© Jürgen Schübelin)
Unmittelbar am dominikanischen Dajabón-Ufer – in Haiti Río Masacre (!) genannt – soll ein Grenzzaun, bzw. eine Grenzmauer errichtet werden. (© Jürgen Schübelin)
Haiti und Dominikanische Republik pflegen eine schwierige Nachbarschaft

Eine tiefsitzende Abneigung gegen die Menschen aus dem Nachbarland ist sozusagen Bestandteil der kollektiven DNA der Dominikaner:innen. Sie ist zum Teil historisch bedingt, aber auch Ergebnis jahrzehntelanger Politik. Es gibt kaum einen Präsidentschaftskandidaten, der nicht im Wahlkampf versprochen hätte, die Einwanderung aus Haiti zu stoppen.

Haiti und die Dominikanische Republik trennt viel – die komplizierte Kolonialgeschichte, die Sprache, die Armut und eben auch die Einwanderung. Haitianer:innen haben in den vergangenen Jahren auf der dominikanischen Seite der Insel immer ihr wirtschaftliches Heil gesucht. Während die Dominikanische Republik durch den Tourismus, die Lohnveredelungsbetriebe für US-Unternehmen und auch durch die Migration von Millionen Dominikaner:innen in die Vereinigten Staaten zu einem bescheidenen Wohlstand kam, hat Haiti den Weg aus dem Teufelskreis aus Armut, politischer Instabilität und Wirtschaftskrise nie gefunden. Naturkatastrophen wie das verheerende Erdbeben von 2010 haben auch ihren Teil zu der deprimierenden Situation in der früheren französischen Kolonie beigetragen.

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Autor: Kindernothilfe e.V.

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