Nach der Gesundheitskrise kommt die Bildungskrise

Gleichberechtigte, inklusive und frei zugängliche Bildung für alle bis 2030 lautet das sogenannte Nachhaltigkeitsziel 4, auch Sustainable Development Goal 4 (SDG4). Aber wie steht es um die Zielerreichung? Kann die selbst gewählte Frist eingehalten werden? Und wie wird die Bildungssituation durch die globale COVID-19 Pandemie mittel- und langfristig beeinflusst?

Text: Dr. Magdalene Pac, Fotos: Kindernothilfe

Schon vor dem Ausbruch der globalen COVID-19 Pandemie waren knapp 260 Millionen Kinder von Bildung ausgeschlossen. Die UNESCO warnte im vergangenen  Jahr: Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir unser Ziel – Bildung für alle – nicht realisieren. Projektionen der UNESCO zeigten: Bei gleichbleibenden Fortschritten, oder treffender formuliert, beim Ausbleiben stärkerer Fortschritte, wird 2030 weiterhin eines von sechs Kindern im schulpflichtigen Alter von Bildung ausgeschlossen sein. Und nur sechs von zehn Jugendlichen werden die weiterführende Schule abschließen.

Persönlichkeitsentwicklung gehört zur Bildung

Im Hinblick auf die Lernerfolge offenbart die sogenannte Learning Crisis die oftmals ungenügende Qualität von Bildung. Denn obwohl Kinder zur Schule gehen, lernen sie dort beispielsweise nicht ausreichend Lesen und Schreiben. Allerdings ist uns von der Kindernothilfe auch wichtig, deutlich zu machen, dass Bildung weit mehr ist als das. Die Entwicklung der Persönlichkeit gehört genauso dazu. Bildung soll dabei helfen, Kinder und Jugendliche auf dem Weg in ein mündiges und selbst verantwortetes Leben zu begleiten. Den Raum dafür bieten insbesondere auch Schulen. Sie haben eine ganz wichtige soziale Funktion für die Entwicklung von Kindern.

Eine Schulklasse in Nairobi, Kenia
Eine Schulklasse in Nairobi, Kenia
Schon vor der Corona-Krise: Bildung wird in der Entwicklungszusammenarbeit vernachlässigt

Um freie, inklusive und qualitativ hochwertige Bildung für alle zu ermöglichen, war bereits 2019 – also vor der Pandemie – klar: Die Mittel der Entwicklungszusammenarbeit, die in Bildung fließen, müssen erhöht werden. Die UNESCO schätzte, dass die jährliche Finanzierungslücke in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen ungefähr 40 Milliarden US-Dollar pro Jahr beträgt. Um diese Lücke zu schließen, müssten sich die Mittel der Entwicklungszusammenarbeit für Bildung versechsfachen. Wichtig ist aber zu betonen, dass die Partnerländer selbst stärkere Anstrengungen unternehmen. Denn auch sie haben die Pflicht, das Recht auf Bildung zu verwirklichen.

Verschärfte Bedingungen durch die Pandemie

Durch die globale Pandemie verschärft sich die schon vorher bestehende Bildungskrise dramatisch. Durch den Ausbruch von COVID-19 erleben wir nicht nur eine Gesundheitskrise und eine global um sich greifende Rezession, sondern eben auch eine Verschärfung der Bildungskrise. Als Reaktion auf die schnelle Ausbreitung des COVID-19 wurden in den meisten Ländern Schulen und andere Bildungseinrichtungen geschlossen. Im April 2020 – dem bisherigen Höhepunkt der Schulschließungen – gingen vorübergehend laut Angaben der UNESCO 1,5 Milliarden Kinder (90 Prozent aller Kinder weltweit) nicht zur Schule. Das hat dramatische Konsequenzen und die sozialen Kosten sind hoch.

Vergangene Schulschließungen im Rahmen anderer Pandemien, wie dem Ebola-Ausbruch in Sierra Leone und Liberia (von 2014 bis 2016), haben das deutlich gezeigt. Insbesondere die Gefahr der häuslichen und sexuellen Gewalt vor allem für Mädchen steigt. Frühschwangerschaften, die zum Schulabbruch führen, nehmen zu. Schulschließungen stellen auch eine erhebliche psychische Belastung für Kinder dar. Sie vermissen es, ihre Freunde zu sehen, und der Alltag ist geprägt durch Unsicherheit und Langeweile. So äußert sich ein Junge in einem unserer Projekte in Kenia: „Ich bin gezwungen, mich zu beschäftigen, indem ich Aufgaben erledige, die zur langweiligen Routine werden, Bücher lese und Nachrichten schaue, in denen sich alles um COVID-19 dreht.“

Schon vor der Corona-Krise hat die Entwicklungszusammenarbeit das Thema Bildung vernachlässigt
Die Gefahr des permanenten Schulabbruchs

Erfahrungen vergangener Krisen haben gezeigt, dass viele Kinder nach eigentlich vorübergehenden Schulschließungen gar nicht mehr zur Schule zurückkehren. Mädchen sind davon besonders betroffen. Gründe dafür gibt es viele: ökonomischer Druck auf die Familien, der auch dazu führt, dass Kinder zum Familieneinkommen beitragen müssen oder aber Frühverheiratung und Schwangerschaft. Die UNESCO befürchtet, dass bis zu 20 Millionen Kinder und Jugendliche als Folge der aktuellen Pandemie nicht mehr zur Schule zurückkehren könnten.

Viele Kinder sind vom Lernen ausgeschlossen

Auch wenn sich Bildungseinrichtungen bemühen, Lernen weiterhin aufrecht zu erhalten, sind doch viele Kinder und Jugendlichen von den Möglichkeiten des Fernunterrichts ausgeschlossen. Hier werden die ungleichen Zugänge zu Bildung sowie der damit einhergehende Digital Divide deutlich. Weltweit haben laut Angaben der UNESCO die Hälfte aller Lernenden keinen Zugang zu einem Computer zu Hause. Und 43 Prozent keinen Internetzugang im Haus. In den Ländern Subsahara-Afrikas sind die Zahlen mit fast 90 Prozent bzw. 82 Prozent noch viel dramatischer. Eine Alternative zu digitalen Lernangeboten stellt die Unterrichtsübermittlung per Fernsehen oder Radio dar. Aber auch hierbei werden viele Kinder ausgeschlossen, da nicht alle über einen Stromanschluss verfügen oder diese Geräte nicht besitzen. Auf Kinder mit Beeinträchtigungen sind die Lernmethoden zumeist auch nicht ausgerichtet und schließen diese somit auch aus. Die Inklusivität der Angebote reicht oft nicht aus.

Die Wiedereröffnung von Schulen

Nach Katastrophen läuft der Wiederaufbau unter dem Motto „build back better“, also sinngemäß, es nach der Krise besser wieder aufzubauen. So auch im Falle der Wiedereröffnung von Schulen. Die bestehenden Mängel der Bildungseinrichtungen werden allerdings nun mehr als deutlich. Bei der Wiedereröffnung von Schulen sollten gewisse Standards und Hygienevorgaben eingehalten werden. Die Kapazitäten dafür sind aufgrund der desolaten Lage der Bildungssysteme in vielen Ländern gering. Lediglich an der Hälfte der Schulen weltweit gibt es die Möglichkeit, seine Hände mit Seife zu waschen – fast 900 Millionen Kinder auf der ganzen Welt können das an ihrer Schule nicht. Die Klassen sind mit bis zu 60 Schülern und Schülerinnen oftmals überfüllt: Distanz halten ist hier unmöglich. Aber politische Koordinations- und Entscheidungsstrukturen können durch die Krise nachhaltig verbessert werden, indem sich relevante Akteure besser vernetzen und stärker untereinander abstimmen.

Die Politik muss handeln: Kinder haben ein Recht auf Bildung und müssen in die Schule gehen dürfen – auch nach der Pandemie.
Investitionen in Bildung sind notwendig

Eine der ersten und wichtigsten Herausforderungen besteht zunächst überhaupt darin, dass Bildung in den Reaktionen auf die Pandemie die nötige Aufmerksamkeit bekommt. Das passiert aber oftmals nicht. In unseren Partnerländern stellen Kinder und Jugendliche ca. die Hälfte der Bevölkerung da, und der Zugang zu Bildung sichert eine bessere Zukunft. Bildung muss somit zwingend im Fokus der Corona-Maßnahmen stehen. Eine positive Entwicklung: Deutschland hat seine Ausgaben im Rahmen der entwicklungspolitischen Corona-Reaktion gesteigert. Luft nach oben ist aber weiterhin. Darüber hinaus gibt es weitere Überlegungen, wie mehr Mittel für Bildung bereitgestellt werden können. Zum Beispiel, indem Schuldendienste ausgesetzt werden und diese Mittel in Bildung fließen.

Das macht die Kindernothilfe konkret

In der aktuellen Not unterstützen wir Kinder und ihre Familien dort, wo es am notwendigsten ist. Häufig ist es die schiere Überlebenssicherung, indem wir zum Beispiel Lebensmittel bereitstellen. Unsere Partnerorganisationen unterstützen Kinder und Jugendliche auch im Lernen. Zum Beispiel durch Radiounterricht, das Drucken von Lernmaterialien oder die Sicherstellung des Zugangs zur Bildung. Auf politischer Ebene setzen wir uns dafür ein, dass Bildung in der entwicklungspolitischen Antwort auf Corona deutlich mehr berücksichtigt wird und die Investitionen entsprechend steigen – mit ersten Erfolgen. Der Beitrag Deutschlands zur Globalen Bildungspartnerschaft – einem internationalen Fond, der unsere Partnerländer bei der Bereitstellung unterstützt – wurde auch aufgrund der Intervention von zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der Kindernothilfe von zunächst 50 Millionen auf 75 Millionen gesteigert. Davon fließen 25 Millionen in das Corona-Bildungsprogramm.

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Autor: Kindernothilfe e.V.

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