Äthiopien: Der zähe Kampf gegen Kinderarbeit und Kinderhandel

Genau vor einem Jahr, im März 2019, bin ich mit einem Kameramann in den Norden Äthiopiens gereist, um das neue und aktuelle Action!Kidz-Projekt zu porträtieren, in dem es um Kinderhandel und Kinderarbeit geht. Zeit also für einen kurzen Rückblick und Ausblick. Was ist seitdem passiert? Wie geht es den Kindern, die wir für unser Video gefilmt und interviewt haben, heute?

Text: Malte Pfau

Um die Situation und Chancen der Kinder zu verstehen, muss man allerdings noch etwas zum Kontext der Arbeit der Kindernothilfe in Äthiopien wissen. Seit vielen Jahren arbeiten wir hier bereits erfolgreich mit der Partnerorganisation FC (Facilitator for Change) zusammen, um ausbeuterische Kinderarbeit und den Kinderhandel, das sogenannte Qenja-System, zurückzudrängen. Und das sehr erfolgreich. FC setzt hier vor allem auf präventive Maßnahmen. In möglichst vielen Dörfern sollen Frauenselbsthilfegruppen entstehen, die zu einer Verringerung von Armut als Hauptursache des Qenja-Systems und zu einer Sensibilisierung gegenüber den Kinderrechten führen.

Die Mitglieder der Gruppen geben weder Kinder als Qenja ab, noch nehmen sie fremde Kinder als Arbeitskräfte in ihrem Haushalt auf. So gibt es schon jetzt in den Gemeinden, in denen der Partner tätig ist, keine Kinder mehr, die als Qenja arbeiten müssen.

Kinderhandel und Kinderarbeit sind im ländlichen Äthiopien weit verbreitet

Das hieß aber auch für unseren Auftrag: Um Kinderarbeit und Kinderhandel zu zeigen, mussten wir das Projektgebiet von FC verlassen. Mit dem Jeep ging es dafür raus aus der Provinzhauptstadt Bure, in der unser Partner sein Regionalbüro hat. Nach ungefähr einer Stunde Fahrt über unbefestigte Straßen kamen wir in ein kleines Dorf in der Gemeinde Ageni Fereda.

Hier trafen wir Adamluk, 12 Jahre, dessen Geschichte beispielhaft für die vielen Tausenden vom Kinderhandel und Kinderarbeit betroffenen Kinder in Äthiopien steht. Vor einem Jahr wurde er an seine neuen Besitzer für zwei Jahre “verpachtet“. Seine eigene Mutter konnte ihn nicht mehr versorgen.

Die neuen Besitzer hatten selbst etwas Land, die eigenen Kinder waren aber bereits ausgezogen. Somit ergab sich für beide Seiten eine scheinbare Win-win-Situation. Die leibliche Mutter hatte ein Kind weniger zu versorgen und die neuen Besitzer eine billige Arbeitskraft. Der ausgehandelte Preis lag neben Verpflegung und Unterkunft bei 1.000 Birr (ca. 30 Euro) für die Mutter und einer Ziege für Adamluk.

Kinderhandel in Äthiopien: Adamluk und seine Besitzerin
Adamluk und seine Besitzerin. Jeden Tag schuftet der Junge als Erntehelfer und Hirte. Einen Lohn für die Arbeit bekommt er nicht. Foto: Malte Pfau
30 Euro und eine Ziege für ein Kind

Ob der Junge nach Ablauf der zwei Jahre zurück zu seiner Familie geht, ist jedoch nicht ausgemacht. Es kann durchaus sein, dass der Deal um weitere zwei Jahre verlängert wird. Natürlich ist es zu einfach, wenn man Adamluk als Verlierer bei diesem Kinderhandel beschreibt. Schließlich hat er ein Dach über dem Kopf und muss nicht hungern. Was für uns jedoch in erster Linie zählt, ist eine Bewertung der Kinderrechtssituation. Und hier muss man sagen, dass bei den Qenja-Kindern in der Regel zahlreiche Kinderrechte verletzt werden. Wie Adamluk, besuchen die Kinder in der Regel keine Schule. Lange Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden bei sieben Arbeitstagen in der Woche sind an der Tagesordnung. Freie Tage oder Ferien werden oftmals verweigert, wie auch der Kontakt zur Familie.

Mädchen sind häufig besonders gefährdet

Gerade Mädchen, die häufig als Hausmädchen eingesetzt werden, sind vielen Risiken ausgesetzt. Häufig kommt es zu Unfällen wie Verbrennungen, zum Teil durch Überarbeitung und Müdigkeit, Depressionen wegen der sozialen Isolation, Missbrauch und Gewalt durch die Arbeitgeber. Nicht selten werden Mädchen nach sexuellen Übergriffen schwanger. Dann werden sie entlassen und trauen sich aus Scham nicht mehr zu ihren Ursprungsfamilien zurück. Ohne Berufsausbildung sehen viele die einzige Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt in der Prostitution zu verdienen.

Ayana in der Küche ihrer Hütte
Ayana arbeitete jeden Tag unbezahlt in einer Gastwirtschaft. Besonders für Mädchen ein sehr gefährlicher Ort. Foto: Malte Pfau

Um dieses Schicksal möglichst vielen Kindern zu ersparen, möchten wir in den nächsten Jahren das Programm gegen Kinderhandel und Kinderarbeit auch in den Gemeinden Jib Gedel, Ageni Fereda und Arbisi Menfesawit ausbauen. Ein wichtiger Ansatz für unseren Partner FC ist dabei ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Denn nur wenn man die soziale und wirtschaftliche Situation der Familien und vor allem der Mütter stärkt, lässt sich die Situation der Kinder langfristig verbessern.

Der Schulbesuch durchbricht den Kreislauf aus Armut und fehlender Bildung

186 Selbsthilfegruppen wurden bereits in den vergangenen Jahren durch unseren Partner in drei Distrikten im Norden Äthiopiens aufgebaut und geschult. Fast 3.300 Frauen sparen bereits gemeinsam Kleinstbeträge und vergeben untereinander Kleinkredite, um so eine finanzielle Basis für Geschäftsideen zu haben. Die wirtschaftliche Verbesserung der Frauen führt dazu, dass sie ihre Familien besser ernähren und ihre Kinder wieder in die Schule schicken können.

Zudem werden die Frauen in den Gruppen sensibilisiert für das Thema Kinderarbeit und Kinderhandel. Das Wissen und die Sensibilisierung wiederum wirken auf die Dorfgemeinschaften, so dass Kinderarbeit und Kinderhandel insgesamt zurückgehen. Die Organisation sorgt außerdem dafür, dass es Unterricht gibt für Kinder, die noch nie oder nur kurz eine Schule besucht haben. Denn nur wenn die Kinder eine Chance auf Bildung erhalten, können sie langfristig aus dem schlimmen Kreislauf aus Armut und wenig Bildung entkommen.

Wie können wir Kinder erreichen, deren Eltern nicht in SHG-Gruppen organisiert sind?

Doch wird auch Adamluk von der Arbeit unserer Partnerorganisation profitieren? Das Programm wirkt vor allem präventiv. Frauen sollen gar nicht erst in die Situation kommen, ihre Kinder verkaufen zu müssen. Zwar gibt es auch einzelne Beispiele von Frauen, die durch die Unterstützung der Selbsthilfegruppe ihre Kinder zurückholen konnten. Diese Fälle bilden aber eher die Ausnahme als die Regel.

Für mich war jedoch schon während der Reise klar, dass wir die Kinder, die uns ihre Geschichten anvertraut hatten, nicht einfach zurücklassen können, ohne uns um ihre weitere Zukunft zu kümmern. Eine Sichtweise, die bei den Kollegen unserer Partnerorganisation nicht sofort auf Verständnis stieß. In ihrer Arbeit kann es nicht so sehr um Einzelschicksale gehen, sondern darum, strukturelle Veränderungen zu erreichen und damit möglichst vielen Kindern zu helfen, sagte man mir.

Der Einwand, dass wir mit der Hilfe für ein ausgewähltes Kind vielleicht bei anderen Qenja-Kindern Hoffnungen schaffen, die wir im Nachhinein nicht erfüllen können, ist ja durchaus berechtigt. Nichtsdestotrotz helfen uns diese Kinder mit ihren Gesichtern und Geschichten, auf Kinderarbeit und Kinderhandel aufmerksam zu machen. Was wären wir für Menschen, wenn wir nicht wenigstens alles dafür tun, um ihre schwere Situation etwas zu verbessern?

Wir einigten uns schließlich darauf, dass die Mitarbeiter von FC weiterhin in Kontakt mit den Besitzern der Kinder bleiben, die wir während unserer Dreharbeiten getroffen hatten. Hauptziel sollte es sein, dass die Besitzer möglichst einem Schulbesuch der Qenja-Kinder zustimmen. In einem weiteren Schritt sollte versucht werden, die leiblichen Eltern der Kinder zu finden und diese von einem Beitritt in eine SHG-Gruppe zu überzeugen.

Adamluk besucht nun regelmäßig die Schule

Ein Jahr ist seitdem nun vergangen, und die Anstrengungen von FC haben zumindest für Adamluk zu einer deutlichen Verbesserung der Situation geführt. Statt von früh bis spät die Tiere zu hüten oder auf dem Feld zu schuften, geht Adamluk jetzt jeden morgen in die Schule.

Adamluk schreibt etwas an seinem Tisch in der Schule, die er besuchen kann, obwohl er Opfer von Kinderhandel ist.
Adamluk fiel der Unterricht anfangs sehr schwer. Mittlerweile soll er aber in der Schule regelrecht aufblühen. Foto: Kindernothilfe-Partner

Er lebt zwar noch bei seinen Besitzern und muss sicherlich nach wie vor hart für Unterkunft und Verpflegung arbeiten. Doch allein die Tatsache, dass er jetzt täglich mit Gleichaltrigen lesen, schreiben und rechnen lernt, wird sich hoffentlich positiv auf den Verlauf seines weiteren Lebens auswirken. Mal ganz davon abgesehen, dass er in der Schule auch Zeit zum Spielen und Abhängen mit Freunden hat und damit ein fundamentales Recht eines jeden Kindes wahrnehmen kann.

Wenn die Besitzer nicht kooperieren, ändert sich wenig für die Kinder

Und wie sieht die Situation der anderen Kinder aus, die wir während unserer Dreharbeiten getroffen haben? Vielleicht erinnern Sie sich an Makeda aus dem Action!Kidz-Film, die für eine fremde Frau an einem Busbahnhof das Waschhaus putzen muss. Sie hatte eine schwere Augenkrankheit, die bisher nicht behandelt wurde. Dank der Unterstützung durch FC hat sie nun zumindest einen Augenspezialisten aufsuchen können, der das verbleibende Augenlicht retten konnte. Da sie zu alt für die Schule ist und ihr Vater sie nicht wieder aufnehmen möchte, bleibt jedoch momentan keine Alternative zur ihrer jetzigen Situation.

Ähnliches gilt für Abeba, die bei einer fremden Familie als Hausmädchen lebt. Zwar haben die Besitzer grundsätzlich zugestimmt, dass Abeba die Schule besuchen kann. Momentan muss sie sich jedoch neben der Arbeit im Haushalt auch noch um ein jüngeres Kind kümmern. Die Besitzer selbst müssen den ganzen Tag arbeiten und haben dafür keine Zeit. Die Handlungsmöglichkeiten für FC sind in diesem Fall von Kinderhandel sehr beschränkt. Letztendlich sind die einzigen Optionen Überzeugungskraft, Beständigkeit und eine Sensibilisierung des Umfeldes.

Ayana ist Klassenbeste und kämpft jetzt für Mädchenrechte

Bei Ayana, die wir während unserer Dreharbeiten in einer Gastwirtschaft getroffen haben, wo sie als Kellnerin und Köchin schuften musste, hat sich diese Beständigkeit von FC ausgezahlt. Sie lebt mittlerweile wieder bei ihrer Mutter und besucht die 5. Klasse. Obwohl sie die Schule für zwei Jahre unterbrechen musste, konnte sie das vergangene Halbjahr als Klassenbeste abschließen. Als eine der besten Schülerinnen ihres Jahrgangs wurde sie außerdem in einen Girls-Club der Gemeinde aufgenommen und kümmert sich seither aktiv mit anderen Mädchen darum, Bildungshindernisse für Mädchen im Schulsystem zu erkennen und abzubauen.

Ayana mit Schulfreundinnen im Klassenzimmer - sie hat die Kinderarbeit hinter sich gelassen
Ayana (rechts im Bild) kämpft nun mit anderen Mädchen aus ihrer Gemeinde für die Rechte von Kindern. Foto: Kindernothilfe-Partner

Die Fortschritte im Leben der Kinder mögen für manche vielleicht nur gering erscheinen. Und natürlich könnte man vielleicht mehr erreichen, wenn man sich ausschließlich auf die Entwicklung dieser Kinder konzentrieren würde. Aber so arbeitet unser Partner nun mal nicht – und das ist ja auch der Grund, warum die Arbeit von FC so erfolgreich ist. Eben weil sie sich nicht von Einzelschicksalen ablenken lassen, sondern immer das große Ganze im Blick behalten. Für jemanden, der die Kinder vor Ort kennengelernt hat, ist es aber trotzdem beruhigend zu wissen, dass sich jemand um sie kümmert und zumindest kleine Veränderungen ermöglicht.

Die Lehrer von Adamluk jedenfalls haben geschrieben, dass der Junge nach anfänglicher Zurückgezogenheit regelrecht aufgeblüht ist in der Schule. Mal sehen, wo ihn dieser Weg noch hinführt. Ich werde jedenfalls seinen Weg und den der anderen Kinder weiterverfolgen und hier darüber berichten.

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Autor: Malte Pfau

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