Thailand: Wie Tong eine neue Familie fand

Elternlos, staatenlos, chancenlos – so ungefähr sahen Tongs Aussichten aus, als er klein war. Das Leben, so schien es, war schon entschieden, bevor es überhaupt richtig angefangen hatte. Doch dann fand er Menschen, die ihm zur Familie wurden und ihn ermutigten, dieses Leben doch noch in die Hand zu nehmen…

Was er macht, macht er hundertprozentig: einen Garten anlegen, kochen, tanzen, singen, malen. Und er ist richtig gut darin. Genauso gut ist er darin, für andere da zu sein, ganz besonders für seine Familie. Das ist eine ziemliche Herausforderung – immerhin hat er fast 30 Geschwister. In Wirklichkeit sind sie alle Waisen, genau wie er. Wie passt das zusammen?

Das erzählt Tong in Berlin. Entwicklungsminister Gerd Müller ist gekommen, um ihm zuzuhören, und noch einige andere einflussreiche Menschen, von denen Tong noch nie gehört hat. Gerade in dieser Runde will er seine Geschichte teilen. Denn die ist das beste Beispiel dafür, dass Entwicklung wirkt  – auch wenn sein Bericht traurig beginnt.

Tong mit Bundesentwicklungsminister Müller bei einer Veranstaltung in Berlin, bei der er erzählt, wie er als Waisenkind eine neue Familie fand
Tong erzählt, wie er eine neue Familie fand – und mit ihr eine neue Zukunft. Unter seinen Zuhörern: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller
Ein unbeschriebenes Blatt

Das fängt schon mit der Geburt an, die außer seiner Familie niemand mitbekommt. Geburtsurkunde? Gibt es nicht – Tong ist ein unbeschriebenes Blatt. Da, wo er herkommt, ist das üblich. Ban Pa Kuk, sein Heimatdorf, liegt in Myanmar, in der schwer kontrollierbaren Grenzregion zu Thailand und Laos. Armut, ethnische Diskriminierung, Drogen- und Menschenhandel haben hier eine lange Tradition.

Mit sechs Jahren verliert Tong kurz hintereinander Vater und Mutter und steht plötzlich ohne Familie da. Die Großmutter kann ihn nur für kurze Zeit aufnehmen und übergibt ihn einer Tante, die ihn mit nach Thailand nimmt. Dort lebt er ein Leben unter Schlägen, täglich erleidet er rohe Gewalt. Das ist so schlimm, dass eines Tages der Bürgermeister des Ortes durchgreift: Er vermittelt ihn in das Waisenheim Baan Doi – Kinderhaus am schönen Berg. Da ist Tong zehn Jahre alt.

Eine neue Familie

Baan Doi, ein langjähriger Partner der Kindernothilfe, gibt Waisenkindern im Norden von Thailand eine neue Familie und die Chance auf eine gute Ausbildung. Für Tong beginnt schlagartig ein neues Leben. Plötzlich interessiert sich jemand für ihn, fördert ihn, schenkt ihm Zuneigung und Geborgenheit. Anfangs ist er noch still und zurückhaltend, kann gar nicht fassen, was ihm da widerfährt, aber er taut schnell auf und lernt zu vertrauen, auch auf sich selbst.

Eines der ersten Dinge, die Barbara Meisl, Gründerin und Leiterin von Baan Doi, in Angriff nimmt: Sie macht die Hebamme ausfindig, die half, Tong zur Welt zu bringen, und lässt sie seine Geburt bezeugen. Jetzt besitzt er endlich eine Staatsbürgerschaft, ist für die Behörden kein Niemand mehr und hat einen Anspruch auf staatliche Bildungs- und Gesundheitsleistungen.

In Baan Doi blüht er auf. Gemeinsam mit anderen Kindern und Jugendlichen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie er und mit denen er zur Familie zusammenwächst, entdeckt er seine Lust am Tanzen und vor allem am Kochen. Er schließt die Mittelschule ab und besucht seit 2018 die Berufsschule. Dort lernt er Koch. Sein Traum ist ein eigenes Gartenrestaurant.

Tong probiert Currywurst in Berlin
Nicht so seins: Tong probiert Currywurst in Berlin.
Lieber Nudelsuppe als Currywurst

Berlin findet er kalt, aber spannend. Und so sauber und geordnet – sogar Radwege gibt es! Dafür keine Soldaten wie in Thailand. Stattdessen ist alles voller Geschichte, das gefällt ihm: Denkmäler, Museen, historische Gebäude. Gemeinsam mit Barabara Meisl, die ihn begleitet, macht er ein bisschen Sightseeing. Nur für Currywurst kann er sich nicht erwärmen. Sein Lieblingsessen ist und bleibt Khao Soi – thailändische Nudelsuppe.

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Autor: TLo

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